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Forschungsaufenthalt am CERCOP der Universität Montpellier I

„Ob mein geplanter Forschungsaufenthalt überhaupt durchführbar sein würde, war mir selbst bei meiner Ankunft in Montpellier noch nicht ganz klar. Anfang April befand sich das französische Universitätsleben aufgrund der Studentenstreiks in Aufruhr. Obwohl sich die juristische Fakultät bei Streikaktivitäten zurückhielt, waren der Lehrbetrieb völlig zum Erliegen gekommen und die meisten Gebäude und Bibliotheken geschlossen.

Glücklicherweise gingen die Streikposten mit Ausländern gnädig um, und so konnte ich meinen Antrittsbesuch im Zentrum für Vergleichendes Verfassungsrecht (CERCOP) der Universität Montpellier I machen, das von meinem dortigen Betreuer Professor Dominique Rousseau geleitet wird. Die Struktur des Zentrums ist für Frankreich fast einzigartig. Ein akademischer Mittelbau in unserem Sinne existiert in Frankreich nicht, so dass Doktoranden meist extern und auf sich allein gestellt sind. Das CERCOP aber, ausgestattet mit eigener Bibliothek und Sekretariat, ist als ein Ort des Austauschs zwischen universitärem Lehrpersonal, Doktoranden und Ehemaligen konzipiert. Bei der Organisation des Zentrums helfen Doktoranden dafür freiwillig mit.

Ziel meines Forschungsaufenthalts war es, im Rahmen meiner rechtsvergleichenden Dissertation zur Grundrechtsbindung des Gesetzgebers die Untersuchung zu den allgemeinen Grundrechtslehren und der Rolle des Verfassungsgerichts (Conseil constitutionnel) in Frankreich zu vertiefen. Das Verfassungsrecht ist in Frankreich noch eine recht junge und überschaubare Disziplin, Montpellier gilt hier neben Paris und Aix-en-Provence als besonders aktiv. Dies bot mir die Möglichkeit, eine ganze Reihe der Verfasser einschlägiger Arbeiten persönlich kennen zu lernen. Ich bekam einen Arbeitsplatz und wurde in die Aktivitäten des Zentrums einschließlich Konferenzen und Tagungen eingebunden.

Das Universitätsleben unterscheidet sich deutlich von dem, was ich aus Deutschland kannte. Nicht nur erscheinen die Doktoranden selbst bei Temperaturen von über 35 Grad in schwarzen Anzügen. Auch das wissenschaftliche Arbeiten unterliegt strengeren Regeln. So sollte ich einen detaillierten Arbeitsplan und eine Bibliographieliste vorlegen und wurde in die Formalia zur Komposition eines Textes eingeführt: Eine Arbeit muss streng symmetrisch aus zwei Partien bestehen, die sich in zwei Abschnitte teilen dürfen, welche wieder in zwei teilbar sind; die Länge der jeweiligen Teile soll identisch sein.

Auch ansonsten finden sich Unterschiede in der Arbeitsweise der Doktoranden. Eine Doktorarbeit wird zunächst in Form eines Konzepts zum Teil oft jahrelang inhaltlich erarbeitet, bevor erst gegen Ende die eigentliche Niederschrift begonnen wird. Die Universitätsbibliotheken sind – realistischerweise – nicht nur als Orte des Lektüre, sondern auch des Lernens und Arbeitens konzipiert und mit extrem großzügigen Arbeitsflächen ausgestattet; dass sie selbst an den großen Universitäten nur bis sieben Uhr abends geöffnet sind, machte mir allerdings die guten Arbeitsbedingungen in Deutschland bewusst. In einem im Internet zugänglichen Doktorarbeitenverzeichnis werden in Arbeit befindliche rechtswissenschaftliche Themen aller französischen Universitäten angekündigt. Dies vermeidet nicht nur Kollisionen, sondern erleichtert auch die Kontaktaufnahme und den Austausch. Eine Veröffentlichung von Dissertationen ist dagegen grundsätzlich eher unüblich, so dass selbst wichtigere Arbeiten oft nur als Manuskript per Fernleihe erhältlich sind.

Ein Höhepunkt meines Aufenthaltes in Frankreich war ein durch Professor Rousseau vermittelter Besuch in Paris, bei dem ich in Gesprächen an der Universität Panthéon-Sorbonne, im Verfassungsgericht und im Parlament gleich drei ganz besondere Einblicke erhielt. Im Conseil constitutionnel nahm sich der Verfassungsrichter Luchaire die Zeit, mir die aktuellen Rechtsprechungslinien zu erläutern und in einem Rundgang die ehrwürdigen Räumlichkeiten zu zeigen. Das seit 1959 bestehende Verfassungsgericht ist nach anfänglichen Unklarheiten über seine Unterbringung – es sollte weder Räume bei der Exekutive oder der Legislative noch bei der Verwaltungsgerichtsbarkeit beziehen – jetzt im prachtvollen Palais Royal angesiedelt und tagt im ziemlich femininen Dekor des ehemaligen Arbeitszimmers von Prinzessin Clotilde von Savoyen. In der „Assemblée nationale“ bekam ich einen Einblick in die praktische Parlamentsarbeit und auch einen Eindruck von der höchsten Aufregung, in der sich das Parlament gerade aufgrund der Clearstream-Affäre befand.

Der Forschungsaufenthalt in Frankreich von April bis Mitte Juli 2006 war für mich wissenschaftlich sehr fruchtbar und hat es mir erlaubt, den französischen Teil meiner Doktorarbeit fertigzustellen. Darüber hinaus werden die geknüpften wissenschaftlichen Kontakte erhalten bleiben. So habe ich die Möglichkeit, ein Praktikum im Conseil constitutionnel abzuleisten und einen Aufsatz in einer französischen Zeitschrift zu veröffentlichen. Für die großzügige Unterstützung meines Aufenthaltes durch die Würzburger Jubiläumsstiftung möchte ich mich ganz besonders bedanken.“

Quelle: Artikel "Erfolgreicher Aufenthalt in Streiktagen", UNI INTERN, Ausgabe 38 vom 5. Dezember 2006



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