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Praktikum bei einem Rechtsanwalt in Tel Aviv

„Eine Stadt kann man nicht auf Sand bauen“. Dies war die Kritik vor 90 Jahren, als einige jüdische Einwandererfamilien anfingen, auf einer Düne am Meer eine moderne Metropole zu errichten. Heute ist Tel Aviv „Big Orange“, die Schwester New Yorks im Nahen Osten. Ein Praktikum im deutschen Recht bei einem Rechtsanwalt in Tel Aviv ist ebenfalls nicht auf Sand gebaut. Einmal gibt es zwischen Israel und Deutschland rechtliche Verflechtungen aller Art, die ihre Wurzeln in der Zeit des Nationalsozialismus haben. Zum andern spielen die Standorte Israel und Deutschland eine große Rolle für die Wirtschaft beider Länder. Viele israelische Anwälte praktizieren deshalb deutsches Recht, und als Referendar oder Praktikant ist man mit deutschen Rechts- und Sprachkenntnissen nicht Beobachter, sondern vom ersten Tage an Mitarbeiter.

An meinem Schreibtisch lehnt die deutsche Bibliothek des Anwaltsbüros: Ein Palandt, ein HGB, eine Formularsammlung. Wenn man „Alt-Shift“ drückt, lassen sich am Computer lateinische Buchstaben einstellen, Adressen von Behörden erfragt man bei der deutschen Botschaft. Das restliche Handwerkszeug ist Brainpower.

Ich komme Ende September in Tel Aviv an, am Vorabend des jüdischen Neujahrsfests Rosh Hashanah, das den Beginn einer Zeit voller Feiertage bildet. In den Restaurants reicht man in Honig getauchte Apfelscheiben, um das neue Jahr zu versüßen – ein guter Auftakt zu einem Monat in Tel Aviv. Ich habe ein Zimmer im Apartment einer alten Dame gemietet, wie für länger Verweilende üblich in einer Stadt mit enormen Lebenshaltungskosten, wo jeder Israeli auf Pump lebt, so schnell lebt, dass er den Schulden davonläuft. Meine Vermieterin hat fast ihre ganze Familie in Deutschland verloren, die blaue Tätowierung der Nummer aus dem Konzentrationslager sieht man noch an ihrem Arm. Trotzdem nimmt sie Deutsche in ihrer Wohnung auf, eine emotionale Leistung, der man in Israel auf Schritt und Tritt begegnet, wo man mit Offenheit und Wohlwollen empfangen wird.

In einem schon viele Ordner dicken Fall geht es um eine Erbengemeinschaft, die Ansprüche auf Restitution einer Berliner Villa durchsetzen will. Der Erblasser hatte das Haus im Zuge der Verfolgung im Nationalsozialismus verloren. Schwierig ist schon allein der Nachweis der Verwandtschaft: Dokumente gehen durch Verhaftung und Auswanderung verloren, und in einem Sprachmilieu, wo Deutsch, Jiddisch, Polnisch und Hebräisch gleichermaßen wichtig waren, hatte der Erblasser vier verschiedene Namensvarianten. Komplexe rechtliche Fragen des Vermögensgesetzes und eine schwierige Beweislage kommen bei vielen solcher Fälle zusammen, die nur mit Kreativität und Beharrlichkeit weitergebracht werden können, wo bei Behörden und Zeitzeugen in der Vergangenheit gegraben werden muss.

Gleichzeitig ist Israel ein innovatives High-Tech-Land. Start-up-Firmen, Joint Ventures und Overseas Marketing Agreements bieten Problematiken, für die selbst das relativ neue israelische Rechtssystem nicht geschaffen ist. Da das System sehr am angloamerikanischen Case Law orientiert ist, hat man als Anwalt hier besondere Einflussmöglichkeiten, durch eine erwirkte Gerichtsentscheidung auf diesen Gebieten die Zukunft des Rechts selbst mit zu formen. Der Umgang mit unbekannten Rechtsgebieten, das selbstständige Aufsetzen von Gutachten und Korrespondenz ist für einen Praktikanten ein Sprung ins kalte Wasser. Aber gerade das ist die Chance in Tel Aviv: Es ist learning by doing, und das Entstandene landet in den Akten und nicht im Papierkorb.

Um Mitternacht schläft Tel Aviv noch. Die Straßen, Bars und Cafes füllen sich gegen ein Uhr nachts. Allnächtliches Ausgehen ist kollektiv und garantiert: Jeder junge Israeli ist potentieller Frontsoldat, der lieber nicht an morgen denkt. Die Spannung der ständigen Bedrohung des Staates macht sich Luft in den Open-Air-Clubs am Hafen. Kaum zu glauben, dass Jerusalem mit den allgegenwärtigen, erdrückenden Ansprüchen dreier Weltreligionen nur eine knappe Stunde entfernt ist. Tel Aviv ist die Metropole der israelischen Jugend, säkular, schnelllebig und multikulturell. Man vergisst leicht, dass Tel Aviv sich im Auge eines Sturms befindet. Ende September begannen die Straßenschlachten erst in Jerusalem, dann im restlichen Israel, es kommt zur großen Krise im Friedensprozess. Die Bilder davon sieht man in Monitoren in den Bars, über den Köpfen der lachenden, trinkenden Leute. So war es selbst während des Yom-Kippur-Kriegs – wer aus Trauer zu Haus bleibt, sich aus Angst und Besorgnis einschränkt, der soll es tun, Tel Aviv tut es nicht.

In Ramallah werden israelische Soldaten von der arabischen Bevölkerung gelyncht, die israelische Armee reagiert mit Bombardierung der palästinensischen Gebiete, die politische Situation verschärft sich rapide. Die meisten Israelis sind wütend und enttäuscht, für Palästinenser bringen sie kein Verständnis mehr auf. Von der anderen Seite erzählen zwei Sportstudenten, die im Gazastreifen an einem Projekt mit Kindern arbeiten. Durch die katastrophalen, hoffnungslosen Lebensbedingungen seien viele seelisch und körperlich zerrüttet. Die Kinder säßen den ganzen Tag auf der Straße, durch Mangel an Freiraum hätten Zehnjährige die motorischen Fähigkeiten von Kleinkindern. Auf den Straßen von Tel Aviv gibt es nun öfter Bombenwarnungen, die Medien machen auf den schlechten Zustand der Gasmasken in der Bevölkerung aufmerksam. Wo bekommt man die als Ausländer überhaupt her, vom Tourist Office?

In Israel sieht man alles nicht so verbissen. Immer ist Zeit im Anwaltsbüro für eine Tasse Kaffee, für eine politische Diskussion oder das Erzählen einer Anekdote. Man duzt den Anwalt, der duzt die Klienten. Mehr Stress als die politische Lage macht der erste Regen nach monatelangem Sonnenschein bei 30 Grad Celius und mehr: Der Bürokeller muss ausgepumpt werden, die Sekretärin erscheint nicht zur Arbeit, Treffen werden verschoben – schlechtes Wetter ist etwas Besonderes in dieser Stadt, wo man im Meer badet bis Dezember.

Nach Tel Aviv zurück in Deutschland scheint die Zeit fast stillzustehen. Erstaunlich, wie viel Leben in ein paar Wochen unter Palmen gepackt werden kann.

Für die Planung eines Praktikums oder der Wahlstation im Referendariat in Tel Aviv ist die Deutsch-Israelische Juristenvereinigung (www.dijv.de) eine gute Anlaufstelle.

Friederike Lange, Würzburg

Quelle: JuS 2/2001


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Joachim Schlör: Tel Aviv - Vom Traum zur Stadt, Insel Taschenbuch 2514, 1999
Tel Aviv als "erste moderne hebräische Stadt", als "zentraler Ort für die kulturelle Identität Israels" an der Schnittstelle zwischen Ost und West: Für Joachim Schlör ist Tel Aviv Testgelände vor der Gründung des Staates Israels. Die alte Hafenstadt Jaffa war Ankunftsort für alle jüdischen Einwanderer, die im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts in das Land kamen. 60 jüdische Familien taten sich zusammen, um neben dem arabischen Jaffa ein "modernes jüdisches Wohnviertel" zu gründen, aus dem die "Gartenstadt" Tel Aviv erwuchs. Während viele Siedlungen aufgegeben worden waren und der Idealismus der Einwanderer den schwierigen Lebens- und Arbeitsbedingungen nicht standhielt, war das umstrittene "Projekt Tel Aviv" von symbolischer Bedeutung voller Konfliktpotential. Anhand von Einzelschicksalen und Originaldokumenten schildert Schlör die Entwicklung dieser Stadt von ihren Anfängen bis zur Gegenwart.



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2002 friederike lange